Kafkas letztes Geheimnis gelüftet…

… wir wissen nun, das gibt es wohl doch nicht.

In den letzten Jahren immer wieder angekündigt und verschoben ist nun im September 2026 bei königshausen & neumann von Georg Fabian „Franz Kafka. Eine unbekannte Geschichte“ erschienen. Bis vor einigen Monaten wurde es noch unter dem Titel „Franz Kafka. Ein geheimes Leben“ geführt. Dass der Titel nun „Eine unbekannte Geschichte“ heißt, wird seine Gründe haben, doch dazu später mehr. Der Titel der Originalausgabe lautet „Franz Kafka. The Untold Story“ und ist bereits 2019 erschienen.

Auf der Verlagswebsite und auf dem Buchrücken wird es folgendermaßen angekündigt:

„Ausgehend von seiner profunden Kenntnis alter und neuer, meist tschechischer Quellen, eröffnet George Fabian ganz neue Einblicke in Franz Kafkas Leben und Werk. Dabei werden einige Selbstverständlichkeiten der Kafka-Biographik korrigiert oder widerlegt. Hinter dem vermeintlich sicher vermessenen Leben Kafkas kommt plötzlich sein geheimes Leben zum Vorschein: hinter der Tuberkulose die Droge, hinter der Schwester die Geliebte, hinter dem feinsinnigen Künstler der Egozentriker, hinter dem Jungen der (uneheliche) Sohn… In dieser Perspektive erschließen sich auch Kafkas zentrale Werke neu, etwa Die Verwandlung, Der Process, Das Schloss.“

Ich muss gestehen, dass ich persönlich seit über einem Jahr ganz neugierig und erwartungsfroh auf diesen Titel gewartet habe, denn mit „profunden Kenntnis alter und neuer, meist tschechischer Quellen, eröffnet George Fabian ganz neue Einblicke in Franz Kafkas Leben und Werk“ hat der Autor und Verlag eine berechtigte Neugierde geschaffen. Die bisherige Kafkaforschung ist sehr auf deutschsprachige Quellen reduziert und hier könnten sich tatsächlich neue Einblicke ergeben, wenn es denn diese Quellen gäbe. Ich für meinen Teil wurde enttäuscht und die Lektüre des Buchs – darf ich sagen Machwerk – ist eine Qual und in meinen Augen hat sich der renommierte Verlag königshausen & neumann keinen Gefallen damit getan, diesen Titel in der deutschen Übersetzung zu publizieren – in monetärer Hinsicht vielleicht schon, bezüglich der eigenen Reputation wohl eher nicht.

Wer ist eigentlich Georg Fabian und was ist seine Qualifikation? Darüber erfährt man leider nicht viel: eine Internetrecherche ist wenig ergiebig und die Verlagswebsite nennt leider auch nur wenige Details. Immerhin schreibt der Verlag: „George Fabian wurde 35 Kilometer von Kafkas Heimatdorf entfernt im Südwesten Böhmens geboren. Nach seinem Abschluss an der Karlsuniversität in Prag war er in Europa und Nordamerika als Wissenschaftler, Schriftsteller, Universitätsdozent und Geschäftsmann tätig.“ Das klingt ein wenig danach, als sei es eine Qualifikation in Tschechien geboren und in Prag studiert zu haben. Was er studiert hat, bleibt offen und welcher wissenschaftlichen Tätigkeit er nachgegangen ist ebenso. Und wo liegt eigentlich „Kafkas Heimatdorf“? Wurde Kafka nicht in Prag geboren oder ist hier die Herkunft von Hermann Kafka gemeint? Auch wenn dies nur eine kleine Ungenauigkeit ist, so finden sich derer auch einige Wiederholungen im Buch. Da werden Buchtitel falsch genannt, Daten durcheinander geworfen, Zitate aus dem Zusammenhang gerissen, die Gespräche mit Janouch nicht kritisch hinterfragt und Mutmaßungen als Fakten serviert.

Zwei exemplarische Auszüge aus dem Buch, die Stil und vermeintliche Fakten und Beweise des Autors wiedergeben und vermitteln sollen, welche Lektüre hier zu erwarten ist:

„War Kafkas Verbundenheit mit Gross ein Zeichen für seine Teilnahme am kollektiven Drogenrausch mancher Zeitgenossen? Der unwidersprochenen Ansicht eines deutschen Biografen nach »meidet Kafka entschieden« nicht nur Kaffee und Tee, sondern auch »Modedrogen der literarischen Boheme« wie Haschisch und Morphium. Ein Zeitalter der Rauschmittel, nur Kafka war clean? Woher weiß der Autor das? Es handelt sich dabei lediglich um eine Vermutung, die auf der weit verbreiteten Überzeugung beruht, dass Kafka ein unschuldiger Engel wäre und sich und anderen nicht schaden oder gar jemanden täuschen könne.
Derartige Plattitüden sind jedoch irreführend, wenn sie nicht genauer erläutert werden. Nach den hier zusammengetragenen Beweisen trug Kafka mit Sicherheit einen moralischen Kompass in sich, verhielt sich aber, wenn die Umstände ihn dazu zwangen, wie andere Sterbliche auch und fürchtete Vergeltung. Diese Ambivalenz gilt auch für Drogen. Wenngleich die stark bereinigten Quellen keine direkten Beweise für eine Abhängigkeit liefern, kann dies nicht als Beweis für seine Abstinenz akzeptiert werden. Wie schon gesagt: Keine Beweise zufinden, heißt nicht, dass es keine gibt. Kafka verhielt sich wie ein Drogensüchtiger, sprach wie ein Drogensüchtiger und litt untergesundheitlichen Problemen, die denen der kaiserlichen Familie entsprachen und symptomatisch für Drogenmissbrauch waren.
Drogen können die Identität und die schöpferischen Fähigkeiten eines Menschen beeinflussen, und das gilt auch für ihn. Die Weigerung zahlreicher Biografen, dieses potenzielle Minenfeld zu erkunden, hält sie auch davon ab, einige Punkte in Kafkas Leben und Werk vollständig zu erfassen. 
Alle verfügbaren Fakten weisen auf das Jahr 1902 hin, in dem der neunzehnjährige Kafka die Brücke zur Welt der Drogen überquerte und nicht mehr zurückkehrte. Neunzehn Jahre später deutete er an, er habe zu Rauschmitteln gegriffen, um seinem Vater zu beweisen, dass er zu etwas von Nutzen sei, und sein Ehrgeiz habe ihn seither daran gehindert, dieses Schlachtfeld zu verlassen.“

(Georg Fabian: Franz Kafka. Eine unbekannte Geschichte, Würzburg 2026, S 39 f.)

An anderer Stelle schreibt Fabian ohne jede weitere Begründung oder Quelle:

„Kafkas Einstieg in das Opiumrauchen Mitte September1912, so können wir aus Die Verwandlung schließen, überraschte seine Schwester.“

(Georg Fabian: Franz Kafka. Eine unbekannte Geschichte, Würzburg 2026, S 161 f.)

Während Fabian Vermutungen bei anderen Autoren stark kritisiert und in Frage stellt, nennt er seine eigenen Mutmaßungen stets Fakten und Beweise ohne auch nur eine einzige eindeutige Quelle zu nennen oder zumindest eine eindeutige, im besten Fall schwer widerlegbare Begründung zu liefern. Dies und der Umstand, dass er von sich und seinen vermeintlichen Beweisen oftmals selbstherrlich schreibt, machen das Lesen nicht gerade einfach, für mich sogar zur Qual.

Es wäre kleinkariert zu glauben, dass nur Philologen, Literaturwissenschaftler und Historiker das Recht hätten, zu Kafka zu forschen und zu publizieren, doch muss man doch wenigstens von jedem Autor, sofern es sich wie in diesem Falle um ein Fach- oder Sachbuch handelt, eine gewisse wissenschaftliche Seriosität erwarten können. Und hier lohnt sich nochmals der Blick auf den Titel: vielleicht soll ja tatsächlich nur eine andere mögliche Geschichte erzählt werden.
Die angekündigten neuen und besonders die tschechischen Quellen werden nicht genannt, stattdessen werden bekannte Primär- und Sekundärquellen durch Fabian „neu“ oder zumindest eigensinnig interpretiert. Das ist mehr als statthaft, muss sich aber auch einer Kritik unterziehen können und dieser Kritik hält das Buch „Franz Kafka. Ein unbekanntes Leben“ letztlich nicht stand, es ist Mutmaßung und Spekulation. Das ist Schade, denn grundsätzlich gibt es interessante Aspekte, die Anlass zu weiterer Recherche gäben. Wenn Fabian zum Beispiel notwendige Hinweise auf die Tuberkulose Kafkas vermisst, wie bestimmte Hygienemaßnahmen oder gesetzliche Bestimmungen, denen sich Kafka hätte unterwerfen müssen, so wäre hier ein guter Ansatzpunkt für eine neue Recherche gewesen, aber diese fehlt leider vollkommen.

Meine Empfehlung: diese Lesezeit ist verschwendete Lebenszeit. Lesen Sie lieber was anderes, zum Beispiel den Kafka Kurier Numero 7.


Babylon Prag

Arte zeigte in seiner zweiteiligen Dokumentation „Babylon Prag“ ein umfassendes Bild von Prag in den 1920er Jahren. Entgegen des Untertitels „Die wilden 20er Jahre“, geht es gerade im zweiten Teil um die Zeit von 1933 bis 1939 und den Konflikten zwischen Deutschen, Tschechen und auch dem vermehrten Antisemitismus. Dessen ungeachtet ist es eine gelungene Dokumentation über Prag von 1920 bis 1939, über die deutschsprachige Kultur in Prag und damit selbstredend auch über Kafka und thematisiert die Konflikte zwischen der deutschen Minderheit und den Tschechen in dieser Zeit hervorragend. Daneben erfährt man auch viel über die politischen Umstände und dem Scheitern der ersten und zweiten tschechischen Republik.

In zweimal 45 Minuten ist viel zu erfahren und viel an historischem originalem Bild- und Filmmaterial zu sehen – anschauen lohn sich in jedem Fall.


Kafka Kurier 7

Im aktuellen etwa 22 Seiten starken Kafka Kurier Numero 7 des Klostermann Verlag finden sich Artikel von Reinhard Pabst, Peter Engel, Holger Rottmann und Jürgen H. Hermann. Wir erfahren etwas über einen vermissten Kater der Kafkas, über einen gescheiterten Einbruchsversuch im Galanteriewarenladen, über Kafka Interesse und Anteilnahme an der jüdischen Schule in Prag, die ab 1915 u.a. durch Förderung und Mitwirkung von Max Brod Gestalt annahm, über Melchior Vischer, einem avantgardistischen Autor, der einen Briefwechsel mit Kafka hatte, über bisher unbekannte, zeitgenössische Kafka Rezensionen aus den Jahren 1913 bis 1917 und einiges mehr.

Der Kafka Kurier ist – wie immer – für Kafka-Interessierte eine Lektüre wert.


Endlich Urlaub

Der 5. Oktober 1914 ist ein Montag, der erste Weltkrieg geht in die zehnte Woche, die Deutschen belagern Antwerpen und über Reims wird in einem Luftkampf zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte ein Flugzeug abgeschossen. Prag ist regnerisch und Franz Kafka tritt einen vierzehntägigen Urlaub an.

Ein Urlaub, der es in sich hat, denn in den nächsten vierzehn Tagen wird Kafka die Erzählung „In der Strafkolonie“ schreiben, er wird weiter am „Verschollenen“ (u.a. am „Oklahoma-Kapitel“) und auch am „Prozess“ („Kaufmann Block/Kündigung des Advokaten“) arbeiten. Er schreibt zwar Tagebuch und wenige Briefe nur, konzentriert sich auf sein Schreiben und ist unglaublich produktiv.


Schreiben wie Kafka

Wenn es inhaltlich oder stilistisch noch fehlt oder einfach es nur an Inspirationen mangelt, so lässt es sich aber schon mal mit einem Imitat der Handschrift beginnen 🙂

Unter https://www.dafont.com/de/franz-kafka.font lässt sich, kostenlos für den privaten Gebrauch, die Schriftart „Franz Kafka“ herunterladen und zum Beispiel in Microsoft Word benutzen. Welch Hommage an Kafka, denn er schrieb ja auch eher für den privaten Gebrauch.

Handschriften von Dichtern als Fontsatz für den Computer sind keine Selbstverständlichkeit, nach Goethe und Schiller wird man zum Beispiel vergeblich suchen, bei Heinrich von Kleist werden wir schon eher fündig.

Über Kafkas Handschrift und sein Wechsel zur lesbaren lateinischen Kurrentschrift haben wir hier schon mal berichtet und der geneigte Leser möge nicht alle Artikel in diesem Blog allzu ernst nehmen.


Kafka in Ekstase

Der Oktober 1912 ist ein euphorischer Monat im Leben des Franz Kafka. Nachdem er in der Nacht vom 22. auf den 23. September in einem Zuge „Das Urteil“ geschrieben hat, hält seine Begeisterung für sich und seine Literatur an und trägt ihn durch einen regnerischen Oktober 1912. Kafka gute Laune veranlasst Max Brod in seinem Tagebuch am 1. Oktober 1912 „Kafka in unglaublicher Ekstase“ und am 3. Oktober 1912 „Kafka, dem es gut geht“ zu notieren.

Im Oktober 1912 erscheint „Großer Lärm“ in den Herderblättern, er arbeitet an der Betrachtung, die im November herauskommen wird, liest Max Brod aus dem Heizer, dem ersten Kapitel von „Der Verschollene“ vor, Kafkas erstem Roman, er hat einen intensiven Briefkontakt mit Felice Bauer und wird mit seinen ersten Veröffentlichungen zu dem, was er sich vielleicht doch erhofft und erträumt, zu einem gedruckten Schriftsteller.

Für Kafka ist es ein intensiver Monat, in dem er viel schreibt, in dem er sich oft mit Max Brod trifft und austauscht und sich mit seinem Verleger Kurt Wolff und seiner schriftstellerischer Arbeit, wie z.B. einer Neufasssung von „Der plötzliche Spaziergang“ auseinandersetzt. Ein Monat, der ihm wenig Gelegenheit zu zweifeln und zu Grübeln lässt und ihm somit durchaus gut tut.

Auch so ist Kafka zumindest stellenweise zu sehen: als viel beschäftigter Jungautor.

Bildquelle: https://www.prag-besuchen.de/prag-im-oktober-herbstzauber-in-der-goldenen-stadt/


Der Chemiker Franz Kafka

Am 1. Oktober 1901, heute vor 125 Jahren, begann Franz Kafka mit seinen Schulfreunden Hugo Bergmann und Oskar Pollak das Studium an der Deutschen Karls-Universität in Prag. Dr. Franz Kafka, den wir heute als Juristen, Beamten und vor allem natürlich als weltberühmten Schriftsteller kennen, begann seine Universitätslaufbahn jedoch – das dürfte viele überraschen – im Fach Chemie. Der tatsächliche Grund für diese Entscheidung ist unbekannt und wir können hier nur spekulieren. Der Einfluss seiner Schulfreunde kann hier eine Rolle gespielt haben und genauso die Überlegung, dass Juden um 1900 keine umfangreichen Wahlmöglichkeiten in ihrer beruflichen Karriere hatten: sie konnten die freien Berufe wie Arzt, Advokat oder Apotheker wählen, in Handel und Gewerbe Kariere machen oder eine akademische Laufbahn einschlagen.

Hugo Bergmann schreibt in seinen Erinnerung an Franz Kafka:

„Auch den ersten Schritt unserer Universitätsstudien haben wir zusammen getan. Und dies kam so: einem Juden, der die Universität absolviert hatte, blieben unter den damaligen Umständen, wenn er sich nicht taufen lassen wollte, um eine staatliche Karriere einzuschlagen, praktisch nur die freien Berufe übrig: Arzt oder Advokat zu werden. Da wir beide dies nicht wollten, sahen wir uns nach einer anderen Möglichkeit um und man riet uns, Chemie zu studieren, weil für Juden die Möglichkeit bestünde, in die chemische Industrie aufgenommen zu werden.“

(Hans-Gerd Koch, „Als Kafka mir entgegenkam…“, Berlin 2013, S. 24f.)

So stellten sich die drei angehenden Chemiestudenten am 1. Oktober 1901 im deutschen chemischen Institut bei Professor Guido Goldschmiedt vor, der den drei jungen Männern erläuterte – wie damals üblich -, dass das Studium der Chemie im Labor begänne. Praktiker waren alle drei nicht und so besuchte Franz Kafka das Labor des Professor Goldschmiedt nur etwa zwei Wochen bevor er sich um den 21. Oktober herum an der juristischen Fakultät einschreibt. Für ihn ging es nicht weiter, da er die Arbeit im Labor weder ertragen noch meistern konnte. Seine Freunde Hugo Bergmann und Oskar Pollak hielten es etwas länger aus, aber am Ende merkten auch die beiden, dass Sie nicht zu Naturwissenschaftlern taugten und wechselten in die Philosophie.

Hugo Bergmann fährt in seinen Erinnerungen fort:

„Wir hatten beide nicht überlegt, daß man Chemie nicht aus Büchern, sondern im Laboratorium lernen muß. Die Arbeit im Laboratorium war für uns beide nicht leicht, denn unsere Hände waren nicht geschickt genug, mit den chemischen Eprouvetten [Reagenzgläser, Anmerkung Thomas Außem] umzugehen.“

(Hans-Gerd Koch, „Als Kafka mir entgegenkam…“, Berlin 2013, S. 24)

Zumindest stimmte die Chemie zwischen den Freunden, die sich ihr Leben lang freundschaftlich gesinnt blieben.


Kafka Schatzkästlein

22. September 2026 – der 200. Todestag von Johann Peter Hebel, der am 10. Mai 1760 in Basel geboren wurde und am 22. September 1826 in Schwetzingen verstarb. Heute ist Johann Peter Hebel insbesondere aufgrund seiner Sammlung von Sagen, Anekdoten und Schwänken im „Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes“ bekannt.

Es gibt einige indirekte Belege, dass Franz Kafka Hebel und das Schatzkästlein sehr schätzte. So empfahl Kafka seiner zweimaligen Verlobten Felice Bauer Hebel zur Vorlese-Lektüre am 2. Oktober und am 10. Oktober 1916. Felice Bauer arbeitete ehrenamtlich für das jüdische Volksheim in Berlin, wo sie unter anderem den dortigen Kindern Geschichten vorlas. In die empfehlenswerte Texte für diese Lektüre mischte sich Kafka immer wieder gerne postalisch ein und spendete auch einige Buchexemplare.

Am 14. Oktober 1921 ist der Rezitator Ludwig Hardt zu Gast im Prager Mozarteum und liest neben Aphonse Daudets „Briefe aus meiner Mühle“ das 14. Kapitel „Die beiden Alten“ auch Texte von Kafka, Walser, Keller und Kraus.

(Quelle: Prager Tagblatt vom 14. Oktober 1921, abgerufen unter https://anno.onb.ac.at/pdfs/ONB_ptb_19211014.pdf)

Einen Tag nach diesem Vortrag kommt es zum einzigen Treffen zwischen Franz Kafka und Ludwig Hardt und Kafka übergibt dem von ihn sehr geschätzten Rezitator aus seiner eigenen Bibliothek sein Exemplar von Schatzkästlien mit einer Widmung an Hardt.


Kafka und der blaue Reiter

Am 26 September 1911 notiert Kafka in sein Tagebuch

„Der Zeichner Kubin empfiehlt als Abführmittel Regulin, eine zerstampfte Alge die im Darm aufquillt ihn zum Zittern bringt, also mechanisch wirkt zum Unterschied von der ungesunden chemischen Wirkung anderer Abführmittel, die bloß den Koth durchreißen ihn also an den Darmwänden hängen lassen. – Er ist mit Hamsun bei Langen zusammengekommen. Er feixt grundlos. Während des Gespräches, ohne daß er es unterbrochen hätte, hob er seinen Fuß aufs Knie, nahm vom Tisch eine große Papierschere und schnitt rund herum die Fransen seiner Hose ab. Schäbig angezogen mit irgend einem wertvolleren Detail z.B. Krawatte. – Geschichten von einer Künstlerpension in München, wo Maler und Veterinärärzte wohnten (die Schule der letztern war in der Nähe) und wo es so verlottert zugieng, daß die Fenster des gegenüberliegenden Hauses, von wo man eine gute Aussicht hatte vermietet wurden. Um diese Zuseher zu befriedigen, sprang manchmal ein Pensionär auf das Fensterbrett und löffelte in Affenstellung seinen Suppentopf aus. – Ein Erzeuger falscher Altertümer, der die Verwitterung durch Schrotschüsse erzeugte und der von einem Tisch sagte: Jetzt müssen wir noch dreimal auf ihm Kaffee trinken, dann kann er ans Innsbrucker Museum weggeschickt werden. – Kubin selbst: sehr stark, aber etwas einförmig bewegtes Gesicht, mit der gleichen Muskelanspannung beschreibt er die verschiedensten Sachen. Sieht verschieden alt, groß und stark aus, je nachdem er sitzt, aufsteht, bloßen Anzug oder Überzieher hat“

(Franz Kafka, Tagebücher, Frankfurt/Main 2002, S. 40f)

Das Abführmittel Regulin wurde hier schon in einem Beitrag gewürdigt.

Interessant an diesem Beitrag ist aber vor allem die Schilderung der „Künstlerpension in München“, womit die Atelierwohnung von Marianne von Werefkins in der Giselastraße 23, München, gemeint ist, in der sich am 1. Januar 1911 Wassiliy Kandinsky und Gabriele Münter zum ersten Mal mir Franz Marc trafen. Die Wohnung liegt 20 Gehminuten von der Königinstraße entfernt, an der sich die Tierärztliche Hochschule befand, das ist „die Schule der letzteren“ von der Kafka schreibt. Kafka hört hier also eine recht intime Schilderung aus Zusammentreffen der Neuen Künstlervereinigung München, die von Alfred Kubin, von dem Kafka hier erzählt, mitbegründet wurde und aus der später die Künstlergruppe „Der blaue Reiter“ hervorging. Im Salon von Marianne von Werefkins gingen zahlreiche Künstler ein und aus, u.a. neben Kandinsky und Franz Marc auch August Macke und sein Vetter Helmuth Macke, daneben Mäzene und viele weitere Künstler, Tänzer, Musiker, Schriftsteller. Im Mai 1911 lebte zusätzlich der französische expressionistische Maler Pierre Girieud bei Marianne von Werefkin und es läßt sich ein buntes Treiben der individualistischen Künstler in diesem Salon durchaus vorstellen.

Blick auf das Eingangstor der Tierärztlichen Fakultät im Jahr 1910 (Quelle: Dr. Veronika Goebel, Die Tierärztliche Fakultät der LMU München in der Zeit des Nationalsozialismus, München 2024, S. 14):

Postkarte um 1910 mit Blick auf die Giselastraße (Quelle: Website der Sep Ruf Gesellschaft e.V.):


Der unentbehrliche Lärm des Lebens

Wer vom „Lärm des Lebens“ hört, mag an das im Sommer 2025 im Rowohlt Verlag erschienene autobiographische Buch des Schauspieler Jörg Hartmann denken, als erstes sprach aber Kafka von diesem Lärm in einer Postkarte an Felice Bauer am 8. September 1916

„Liebste, heute kamen die Briefe vom 5. und 6. vielen Dank. Du schreibst von Wohnungen. Wie habe ich mich gestern nach Stille gesehnt, nach vollkommener undurchdringlicher Stille. Glaubst Du, daß ich Sie jemals haben werde, solange ich Ohren zum Hören und einen Kopf habe, der den unentbehrlichen Lärm des Lebens in Überfülle selbst vollführt. Ich glaube die Stille weicht mir aus, wie das Wasser vor dem an den Strand ausgeworfenen Fisch.“

(Franz Kafka, Briefe 1914 – 1917, Frankfurt/Main 2005, S. 217)

Die ist einer von vielen Belegen, wie unter anderem auch das zu Lebzeiten veröffentliche Prosastück „Großer Lärm„, für die Sehnsucht Kafkas nach Ruhe. Was allerdings dieser Lärm des Lebens eigentlich sein soll bleibt rätselhaft, da es ja Kafkas eigener Kopf ist, der diesen Lärm vollführt.