Am 6. Februar 1909 – heute vor 115 Jahren – erschien Kafkas erste Rezension eines schriftstellerischen Werkes seiner literarischen Zeitgenossen. Grundsätzlich hielt Franz Kafka nicht viel von Auftragsarbeiten und insgesamt hat er nur drei Rezensionen geschrieben. Wenn man den unten stehenden Text liest, dann kann man Kafka Äußerung „ich bin nichts als Literatur“ fühlen, denn man erfährt nichts über das eigentliche Werk „Die Puderquaste“ von Franz Blei, nichts über deren Inhalt, nichts über deren Form oder den Autor. Wie der Schwimmer taucht Kafka in seinen Text und assoziiert Bilder, deren Ursachen und Zwecke vollkommen fremd bleiben. Als literaturwissenschaftlich Rezension kann dieser Text gewiss nicht durchgehen und dennoch ist er grandios, denn ist auch „Die Puderquaste“ selber eine lose Ansammlung von Skizzen im Stile des Feuilleton.

Franz Blei selbst scheint es gefallen zu haben, denn er schrieb am 8. Februar an Max Brod: „Was Kafka in der Zeitschrift über die Puderquaste schrieb ist sehr sehr fein.“

Ein Damenbrevier

„Wenn man sich in die Welt aufatmend entläßt, wie vom hohen Gerüst der Schwimmer in den Fluß, gleich und später manchmal von Gegenstößen wie ein liebes Kind verwirrt, aber immer mit schönen Wellen zur Seite in die Luft der Ferne treibt, dann mag man wie in diesem Buch ziellos mit geheimem Ziel die Blicke über das Wasser richten, das einen trägt und das man trinken kann und das für den auf seiner Fläche ruhenden Kopf grenzenlos geworden ist.
Verschließt man sich jedoch diesem ersten Eindruck, dann erkennt man bis zur Überzeugung, daß der Verfasser hier mit einer förmlich ungestillten Energie gearbeitet hat, die den Bewegungen seines unablässigen Geistes – sie sind zu schnell, als daß sie Zusammenhang verrieten – Kanten zum Erschrecken gibt.
Und dies vor einer Materie, die in der zuckenden Entwicklung, welche sie erfährt, an die Versuchungen erinnert, die vom Schreien unsichtbarer Wüstentiere angetrieben, Einsiedler einst erfrischten. Doch schwebt diese Versuchung nicht vor dem Verfasser als kleines Balletkorps auf ferner Bühne, sondern sie ist ihm nah, sie umpreßt ihn stark, bis er sich in sie verschlingt und ehe er es noch von der Dame erfuhr, schrieb er schon: »Aber man muß lieben, um sich mit Grazie hingeben zu können«, sagte Annie D., eine schöne blonde Schwedin.
Was ist es nun für ein Anblick, wenn der Verfasser in diese Arbeit so verstrickt uns erscheint, getragen von einer Natur, gleich jenen Wolken aus Stein, die einmal im Barock die Gruppen im Sturmwind sich umarmender Heiliger erhoben. Der Himmel, in den das Buch in der Mitte und gegen Ende ausbrechen muß, um durch ihn die frühere Gegend zu retten, ist fest und überdies durchsichtig.
Natürlich besteht niemand darauf, daß die Damen, für die der Verfasser geschrieben hat, dies wirklich sehn. Ist es doch genügend und mehr als das, wenn sie, vom ersten Absatz schon gezwungen, wie es sein muß, fühlen werden, daß sie in ihren Händen einen Beichtspiegel halten und einen besonders treuen. Denn die Beichte, die man so nennt, geschieht in einem ungewohnten Möbelstück, auf dem Boden eines ungewohnten Raumes im halben Licht, das alles ringsherum und auf und ab mit Zukunft und Vergangenheit nur halb wahr macht, so daß notwendig auch alle Ja und Nein, die gefragten und die geantworteten halb falsch sein müssen, besonders wenn sie ganz ehrlich sind. Wie könnte man aber hier an ein wichtiges Detail vergessen in der gewohnten mitternächtlichen Beleuchtung während eines leisen Gespräches (leise, weil es heiß ist) nahe beim Bett!“

(Franz Kafka, „Ein Damenbrevier“ in „Der neue Weg“, 1909)