Kafka in 60 Minuten…

… ist der Titel von Walther Ziegler hervorragender und gut lesbaren Einführung in das Werk von Franz Kafka aus der Sicht eines Philosophen. Dr. Walter Ziegler, promovierter Philosoph und Hochschulllehrer, ist der Autor der bekannten Buchreihe „Große Denker in 60 Minuten“, ein Taschenbuchformat, in dem er sich kurz und bündig, sachlich exakt aber immer gut verständlich auf ca. 120 bis 140 Seiten den Hauptthesen und Wirkungen bedeutender Philosophen und anderer Denker widmet, z.B. „Schopenhauer in 60 Minuten“, „Kant in 60 Minuten“, „Platon in 60 Minuten“ oder „Konfuzius in 60 Minuten“ um nur ein paar wenige zu nennen. Diese Reihe ist grandios und sei an dieser Stelle ganz besonders empfohlen, sie macht immer Lust auf tieferes Verständnis und Lektüre der Hauptwerke der entsprechenden Denker.

In dem Titel „Kafka in 60 Minuten“ widmet sich Dr. Walther Ziegler, der selbst seine Dissertation im Jahr 1992 zum Thema „Die Struktur zwischenmenschlicher Beziehung“ verfasste, der „philosophischen Entdeckung“ Kafkas, wie sehr der Mensch auf die Gesellschaft und den Zuspruch der anderen angewiesen ist, um ein gelungenes Leben führen zu können.

„In allen seinen Romanen und Novellen wirft Kafka einen unbestechlichen Blick auf die Fragilität der zwischenmenschlichen Beziehung. Wie keinem anderen gelingt es ihm, die existentielle Angewiesenheit der Menschen auf andere Menschen zu erfassen […] Die Menschen sind, so Kafka, wie Bergsteiger in einer Art Seilschaft miteinander verbunden, um ihre Existenz gegenseitig abzusichern. Ein Leben lang bekommen sie Halt durch den Seins-Zuspruch und die Anerkennung ihrer Mitmenschen. Doch diese Angewiesenheit auf den Zuspruch der anderen birgt strukturell auch immer die Gefahr, von diesen nicht – oder nicht mehr – anerkannt zu werden.“

(Ziegler, S. 8f.)

Diese präzise und berechtigte Interpretation der Prosa Kafkas wird im folgenden von Walter Ziegler an den Werke „Die Verwandlung“, „Der Steuermann“ (aus dem Nachlass), „Ein Hungerkünstler„, „Der Prozeß“ und „Das Urteil“ verdeutlicht und mit zahlreichen Textstellen und Interpretationen belegt und gedeutet.

Schließlich zieht er das Fazit:

„Kafka zeigt uns in seinen Erzählungen und Romanen auf subtile Weise das Scheitern zwischenmenschlicher Beziehungen. Seine Helden verwandeln sich in einen Käfer, werden vom Vater totgesagt, als Steuermann ausgetauscht, im Hungerkäfig vergessen, oder von unbekannten beschuldigt und hingerichtet. Keinem seiner Helden gelingt es, sein Schicksal in die eigene Hand zu nehmen. Zu sehr fehlt es ihnen an Selbstsicherheit und Vitalität. Doch hinter jeder dieser Geschichten des Scheiterns steckt ein verbogener Hinweis auf die anthropologische Struktur gelingender zwischenmenschlicher Beziehungen. […] Das „Kafkaeske“, das uns in seinen Erzählungen begegnet, kennen wir aus den eigenen Träumen und bisweilen aus der realen Welt. Es ist letztlich nichts anderes als die tiefe Verunsicherung, nicht als das wahrgenommen und bestätigt zu werden, was wir sind und was wir sein können.“

(Ziegler, S. 124f.)

Wer selbst einmal diese Verunsicherung erlebt hat, sie noch erlebt oder sich in diese Verunsicherung hineinversetzen kann, der ist offen für die Texte Kafkas. Und umgekehrt gilt auch, wer die eine solche Verunsicherung noch nicht erlebt hat, kann durch die Lektüre von Kafka eine Empathie für derart Verunsicherte entwickeln. Denn laut Ziegler verschafft uns Kafka auch Trost:

„Ausnahmslos alle seine Protagonisten sind auf einer ruhelosen Suche, einer Suche, die trotz größter Anstrengung nicht ans Ziel führt. Sie kommen nie wirklich im Leben an. Kafka hat für eine Helden und auch für seine Leser keine Lösungen parat, keine Wendepunkte zum Besseren, kein Happy End. Im Gegenteil, seine Erzählungen ziehen uns unwiderstehlich in einen Strudel emotionaler Heimatlosigkeit. Und dennoch haben sie für jeden von uns eine leise und tröstliche Botschaft.
Wer einmal wieder den ganzen Tag lang nicht wirklich im Leben angekommen ist oder morgens aus dem kafkaesken Traum erwacht, weiß: Er ist damit nicht allein.“

(Ziegler, S. 128)

Quelle: Walther Ziegler, „Kafka in 60 Minuten“, Books on Demand, Norderstedt 2021)


Der Steuermann

„Bin ich nicht Steuermann?“ rief ich. „Du?“ fragte ein dunkler hochgewachsener Mann und strich sich mit der Hand über die Augen als verscheuche er einen Traum. Ich war gestanden am Steuer in der dunklen Nacht, die schwachbrennende Laterne über meinem Kopf und nun war dieser Mann gekommen und wollte mich beiseite schieben. Und da ich nicht wich, setzte er mir den Fuß auf die Brust und trat mich langsam nieder, während ich noch immer an den Naben des Steuerrads hing und beim Niederfallen es ganz herumriß. Da aber faßte es der Mann, brachte es in Ordnung, mich aber stieß er weg. Doch ich besann mich bald, lief zu der Luke, die in den Mannschaftsraum führte und rief: „Mannschaft! Kameraden! Kommt schnell! Ein Fremder hat mich vom Steuer vertrieben!“ Langsam kamen sie, stiegen auf aus der Schiffstreppe, schwankende müde mächtige Gestalten. „Bin ich der Steuermann?“ fragte ich. Sie nickten, aber Blicke hatten sie nur für den Fremden, im Halbkreis standen sie um ihn herum und als er befehlend sagte: „Stört mich nicht“, sammelten sie sich, nickten mir zu und zogen wieder die Schiffstreppe hinab. Was ist das für Volk! Denken sie auch oder schlurfen sie nur sinnlos über die Erde?

(Franz Kafka, Nachgelassene Schriften und Fragmente II, S. 324, Frankfurt/Main 2002)

Der obige im Original unbetitelte Text aus dem Nachlass Kafkas ist Ende 1920 entstanden und schildert, wie so oft in Kafkas Werken, eine Situation, in der ein Mensch ganz plötzlich alleine gelassen wird. Dieses Motiv der Verstoßung aus der Gesellschaft findet sich auch im Prozess, im Urteil, in der Verwandlung, im Hungerkünstler, im Verschollenen und an vielen anderen Stellen wieder.

Diese Geschichte ist auf zwei Weisen zu interpretieren: zum einen gesellschaftlich und psychologisch, dass dem modernen Menschen bewusst werden muss, dass er jederzeit und ohne großen Widerstand ersetzbar ist und zum anderen politisch, dass die Masse (hier die Seeleute) blind und sinnlos durch das Leben wandern und ihre Führung unkritisch jedem beliebigen überlassen.

Auch dieser Text kann in seiner prägnanten Kürze einmal mehr aufzeigen, wie modern Franz Kafka auch heute noch ist.


Die Herrlichkeit des Lebens

„Es ist sehr gut denkbar, daß die Herrlichkeit des Lebens um jeden und immer in ihrer ganzen Fülle bereit liegt, aber verhängt, in der Tiefe, unsichtbar, sehr weit. Aber sie liegt dort, nicht feindselig, nicht widerwillig, nicht taub. Ruft man sie mit dem richtigen Wort, beim richtigen Namen, dann kommt sie. Das ist das Wesen der Zauberei, die nicht schafft, sondern ruft.“

(Tagebuch, 18. Oktober 1921)

Das Glück liegt oft vor unseren eigenen Füßen und muss nur aufgehoben werden und auch Franz Kafka kann, dies zeigt dieser Tagebucheintrag, durchaus optimistisch in die Welt blicken.

„Die Herrlichkeit des Lebens“ ist ebenso ein Romantitel des deutschen Autors Michael Kumpfmüllers. In dem 2011 erschienenen Buch widmet sich der Autor in fiktiver Weise, jedoch an den realen Begebenheiten sich orientierend, dem letzten Lebensjahr von Franz Kafka und seiner Liebesbeziehung zu Dora Diamant.

Der Roman hat in der Literaturkritik durchaus positive Stimmen bekommen, so schrieb zum Beispiel die FAZ:

„Unstillbarer Durst nach Leben: Michael Kumpfmüller hat mit „Die Herrlichkeit des Lebens“ einen Roman voller Würde geschrieben. Er zeigt uns einen erfüllten Franz Kafka und bringt Licht in das Rätsel Dora Diamant.“

(FAZ. 19.08.2021)

Auf Basis diese Buches feiert auch der Film „Die Herrlichkeit des Lebens“ am 21.03.2024 Premiere in den deutschen Kinos. Unter der Regie von Georg Maas spielen Sabin Tambrea die Rolle des Franz Kafka und Henriette Confurius die Rolle der Dora Diamant.

Für das Wochenende am 23. und 24. März können wir also schon mal einen Kinobesuch einplanen.


Ein Autor wird zum Adjektiv – kafkaesk

Nur wenigen Autoren wird die Ehre zuteil, dass aus ihrem Namen ein Adjektiv gebildet wird: kafkaesk.

Wenngleich auch noch im Duden als Teildefinition „in der Art Kafkas“ zu finden ist, so ist dies nicht als die eigentlich Bedeutung des Wortes zu betrachten. Kafkaesk ist die unheimliche, lakonische geschilderte Bedrohung der man nicht ausweichen kann, ein Unheil, das hingenommen werden muss, eine grotesk-absurde Situation, die selbstverständlich erscheint. Ein gutes und vermutlich das berühmteste Beispiel ist der Anfangssatz aus dem Prozess – vielleicht einem der berühmtesten Sätze der Weltliteratur im 20. Jahrhundert überhaupt:

„Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“

(Franz Kafka, Der Prozess)

Neben Kafka ist es der griechische Dichter Homer, der im Adjektiv „homerisch“ verewigt und der italienische Dichter Dante, der in „dantesk“ heute noch gewürdigt wird. Das homerische Gelächter ist das schallende Gelächter der Götter, das Homer zum Beispiel in der Ilias I, 599 als „unermeßlich Lachen erscholl den seligen Göttern“ oder in der Odyssee VIII, 325 als „ein langes Gelächter erscholl bei den seligen Göttern“ beschreibt. Dantesk beschreibt etwas Leidenschaftliches, Erschreckendes oder auch Gewalttätiges, doch seien wir ehrlich: homerisch und dantesk werden hier nur der bildungssprachlichen Vollständigkeit wegen genannt. In der freien Wildbahn der gesprochenen und geschriebenen Sprache sind sie so selten anzufinden wie der Yeti im Himalaja.

Anderen großen Dichter wie Goethe, Shakespeare, Heine oder Rilke wurde diese Ehre nicht zuteil, aber sie werden es wohl verschmerzen können.

Kafkaesk hingegen wird schon beinah inflationär verwendet, so dass wir gut beraten sind, all jenen zu mißtrauen, die das Wort allzu leichtfertig gebrauchen und schon jeden Behördengang als kafkaesk empfinden. Wenn kafkaesk als Modewort oder Ausdruck einer vermeintlichen Bildung verwendet wird, verstellt es nur den Blick auf Autor und Werk.


Sie haben mich unglücklich gemacht

Am 10. April 1917 schreibt Dr. Siegfried Wolff, ein Berliner Leser der Verwandlung, hilfesuchend an Franz Kafka:

Sehr geehrter Herr,
Sie haben mich unglücklich gemacht.
Ich habe Ihre Verwandlung gekauft und meiner Kusine geschenkt. Die weiß sich die Geschichte aber nicht zu erklären.
Meine Kusine hats ihrer Mutter gegeben, die weiß auch keine Erklärung. Die Mutter hat das Buch meiner andern Kusine gegeben und die hat auch keine Erklärung. Nun haben sie an mich geschrieben. Ich soll ihnen die Geschichte erklären. Weil ich der Doctor der Familie wäre. Aber ich bin ratlos.
Herr! Ich habe Monate hindurch im Schützengraben mich mit dem Russen herumgehauen und nicht mit der Wimper gezuckt. Wenn aber mein Renommee bei meine Kusinen zum Teufel ginge, das ertrüge ich nicht.
Nur Sie können mir helfen. Sie müssen es; denn sie haben mir die Suppe eingebrockt. Also bitte sagen Sie mir, was meine Kusine sich bei der Verwandlung zu denken hat.


Mit vorzüglicher Hochachtung ergebenst
Dr Siegfried Wolff

Dieser Leser spricht uns aus der Seele. Leider wissen wir (noch) nicht, ob die Kusinen von Herrn Dr. Wolff letztlich die Verwandlung zu deuten wussten, ob Franz Kafka eine Antwort schrieb und wie es am Ende um das Renommee des Herrn Dr. Wolffs bestellt war. Nur eines wissen wir nach hundert Jahren Kafka-Rezeption ganz gewiss: die eine, allumfassende Antwort auf die Fragen der Kusinen wird es nicht geben. Die existentiellen Fragen, die Kafka in seinen Werken stellt, bleiben unbeantwortbar.


Kafka und die verlorene Puppe

Am 27. März erscheint im S. Fischer Verlag Sauerländer „Herr Kafka und die verlorene Puppe“ von Larissa Theule und Rebecca Green. Es handelt sich um eine weitere Adaption einer oft zitierten Kafka-Anekdote. Demnach begegnete Franz Kafka 1923 in Berlin bei einem Spaziergang einem weinenden Mädchen, das ihre Puppe verloren hatte. Kafka tröstete das Mädchen damit, dass er ihr erzählte, die Puppe sei auf Weltreise und werde dem Mädchen sicherlich Briefe schreiben. Diese Briefe las Kafka dem Mädchen dann in den nächsten Tagen bei seinen weiteren Spaziergängen vor.

Eine Quelle dieser Anekdote ist der Band „Als Kafka mir entgegenkam“ von Hans-Gerd Koch im Wagenbachverlag. In dieser Sammlung von Erinnerungen, wird Dora Diamant folgendermaßen zitiert:

„[…] Als wir in Berlin waren, ging Kafka oft in den Steglitzer Park. Ich begleitete ihn manchmal. Eines Tages trafen wir ein kleines Mädchen, das weinte und ganz verzweifelt zu sein schien. Wir sprachen mit dem Mädchen. Franz fragte es nach seinem Kummer, und wir erfuhren, daß es seine Puppe verloren hatte. Sofort erfindet er eine plausible Geschichte, um dieses Verschwinden zu erklären: ‚Deine Puppe macht nur gerade eine Reise, ich weiß es, sie hat mir einen Brief geschickt.‘ Das kleine Mädchen ist etwas mißtrauisch: ‚Hast du ihn bei dir?‘ ‚Nein, ich habe ihn zu Hause liegen lassen, aber ich werde ihn dir morgen mitbringen.‘ Das neugierig gewordene Mädchen hatte seinen Kummer schon halb vergessen und Franz kehrte sofort nach Hause zurück, um den Brief zu schreiben.
Er machte sich mit all dem Ernst an die Arbeit, als handelte es sich darum, ein Werk zu schaffen […] Es war übrigens eine wirkliche Arbeit, die ebenso wesentlich war wie die anderen, weil das Kind um jeden Preis vor einer Enttäuschung bewahrt […] werden mußte.“

Diese „zu Herzen gehende Bilderbuchgeschichte von der tröstenden Kraft der Phantasie“, wie die S. Fischer Verlage sie beschreibt, wurde bereits mehrfach adaptiert, z.B. in Gerd Schneiders „Kafkas Puppe“ im arena Verlag, erschienen 2008. Es ist eine schöne Anekdote, man kann sich dies auch durchaus gut vorstellen und die oben genannten Bücher sind für sich und fiktional betrachtet auch durchaus lesenswert und dennoch: es gibt für diese oft als „wahre Begebenheit“ erzählte Anekdote keine Belege. Niemand weiß, wie das Mädchen hieß, die Briefe wurden bis heute nicht gefunden, es gibt keinen weiteren Belege oder Zeugen für diese Anekdote und schließlich wurde Dora Diamant auch niemals direkt dazu befragt.

Was ich am interessantesten an der ganzen Geschichte und allen Adaptionen und Nacherzählungen finde, ist die Tatsache, dass Dora Diamant aus der Geschichte bei Schneider als auch Theule einfach entfernt wird. Berichtet Dora Diamant von der gemeinsamen Begegnung mit dem Mädchen, so ist es bei allen Adaptionen immer nur Franz Kafka, der dem Mädchen begegnet.


Von Beruf „Hungerkünstler“

In dem Text „Ein Hungerkünstler“ in der Sammlung von vier Texten „Der Hungerkünstler“ (1924) schreibt Franz Kafka von einem Künstler, der sich öffentlich in einem einsehbaren Käfig einsperren lässt, um sich gegen Bezahlung beim Hungern über mehrere Woche beobachten zu lassen. Dieser Künstler ist in seine Kunst so vernarrt, dass er mit dem Hungern gar nicht mehr aufhören will und schließlich im Varieté vergessen wird und tatsächlich verhungert. Am Ende seines Lebens relativiert der Hungerkünstler in seinen letzten Worten gegenüber einem Aufseher seine Kunst und betont das Paradoxe seines Lebens:

„Weil ich hungern muß, ich kann nicht anders“, sagte der Hungerkünstler. „Da sieh mal einer“, sagte der Aufseher, „warum kannst du denn nicht anders?“ „Weil ich“, sagte der Hungerkünstler, hob das Köpfchen ein wenig und sprach mit wie zum Kuß gespitzten Lippen gerade in das Ohr des Aufsehers hinein, damit nichts verloren ginge, „weil ich nicht die Speise finden konnte, die mir schmeckt. Hätte ich sie gefunden, glaube mir, ich hätte kein Aufsehen gemacht und mich vollgegessen wie du und alle.“ 

Inhaltlich eine skurrile Geschichte, die man zunächst als reine Fiktion von Franz Kafka verorten möchte, die jedoch einen wahren Hintergrund hat, denn diese Hungerkünstler hat es in der Tat bis in die 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts gegeben. Der große Brockhaus in der 15. Auflage schreibt hierzu 1931:
Hungerkünstler, Menschen, die für Geld sehen lassen, daß sie sich außergewöhnlich lange jeder Nahrung erhalten. Solche H. waren schon im Mittelalter bekannt“. 

Und ein solcher Hungerkünstler war der aus Italien stammende Riccardo Sacco, „dessen Auftritt vom 21. März bis 10. April 1905 im Prager Hofbräuhaus […] zweifelsohne als Vorbild für Kafkas Erzählung steht. Wahrscheinlich hat der noch junge und lebenslustige Kafka das Hofbräuhaus irgendwann während der einundzwanzigtägigen Hungertour Saccos besucht“ (siehe Northey). Ob Kafka tatsächlich diesen Hungerkünstler im Hofbräuhaus gesehen hat, ist nicht überliefert und auch in Stachs ausführlicher Biographie „Kafka – Die frühen Jahre“ findet sich kein Beleg dazu, immerhin wird aber Kafka recht wahrscheinlich in der lokalen Presse, dem Prager Tagblatt und der Deutschen Zeitung Bohemia – beide von der Familie Kafka abonniert, hierüber gelesen haben und vielleicht auch inspiriert worden sein.

Quelle: Anthony Northey, „Neue Funde zum Hungerkünstler Riccardo Sacco“ in „Kafka-Kurier, Numero 1“, Stroemfeld Verlag, 2014

Sie können die vier Geschichten aus „Der Hungerkünstler“ auch hier lesen.


Albert Camus und Kafka

„Kafkas ganze Kunst besteht darin, den Leser zum Wiederlesen zu zwingen. Seine Lösungen oder auch der Mangel an Lösungen legen Erklärungen nahe, die nicht klar ausgesprochen werden und, um begründet zu erscheinen, eine nochmalige Lektüre unter einem neuen Gesichtspunkt verlangen.“

(Albert Camus, Die Hoffnung und das Absurde im Werk von Franz Kafka, 1943)

Der 4. Januar 1960 ist der Todestag von Albert Camus, der an diesem Tage bei einem Autounfall tödlich verunglückte. Anlässlich Camus Todestag möchte ich nochmals auf die Bedeutung von Albert Camus im Hinblick auf Franz Kafka hinweisen.

Franz Kafka war im Grunde nach dem Zweiten Weltkrieg ein in Deutschland gänzlich unbekannter Autor. Zu Lebzeiten hatte er nur sehr wenig und in sehr geringen Auflagen veröffentlicht, einige Schriftsteller kannten, verehrten und lobten ihn, doch eine große Leserschaft hatte er in der Tat nicht. Auch wenn ab Mitte der 1920er Jahre im Verlag Die Schmiede von Max Brod die ersten Texte aus dem Nachlass veröffentlicht wurden, wie „Der Prozess“ (1925), „Das Schloss“ (1926) und „Amerika“ (1927), so blieb der deutschen Leserschaft nur wenig Zeit, die Werke von Kafka zu lesen, da die Schriften des Juden Franz Kafka seit 1933 von den Nationalsozialisten verbrannt und verboten wurden.

Über den Umweg der französischen Übersetzungen – Kafkas Werke wurden durch Alexandre Vialatte (1901 – 1971) ab 1925 ins Französische übersetzt und fanden in Frankreich schnell eine große Leserschaft – kamen Kafkas Werke nach 1945 zurück nach Deutschland und fanden nun eine größere Leserschaft.

„Bereits im Jahr 1928 prophezeite der französische Schriftsteller und Philosoph Félix Berthaux Franz Kafka in Frankreich eine große Zukunft… ob er wohl ahnte, wie Recht er damit hatte?
[…]
Als Kafkas Werke in Frankreich veröffentlicht wurden, war Kafka im französischen Sprachraum ein Unbekannter, kein Ruf eilte ihm voraus. Die Franzosen hatten keinerlei Erwartungshaltung, weil ihnen jegliches Hintergrundwissen bezüglich seiner Biografie und seiner Werke fehlte.
[…]
Interessanterweise wurde der tschechische Autor – vielleicht sogar gerade aufgrund dieser „Exterritorialität“ – in Frankreich von Anfang an sehr positiv aufgenommen. Laut der renommierten Kafka-Übersetzerin Marthe Robert waren die fehlenden Informationen über Kafka und sein Leben tatsächlich der wesentliche Grund, warum es den Franzosen so leicht fiel, sich sein Werk anzueignen und den Autor „dans le bel esprit de naturaliser français un juif tchèque de la langue allemande“ in Frankreich einzubürgern.“

(Anna Jell, „Die französischen Übersetzungen von Kafkas Prozess“, Innsbruck 2012)

Auch die Existentialisten nahmen sich der Werke Kafkas sehr gerne an, denn in Kafkas Werken finden sich absurde und groteske Szenen und Motive, die Sartre (z.B. in „Der Ekel“) und Camus (z.B. in „Der Fremde“) aufnahmen. Beide Autoren haben oft betont, wie sehr sie Kafka schätzten und dass er einen großen Einfluss auf ihr literarische Schreiben hatte. Außerdem sahen sie in Kafka weniger den Dichter als den Philosophen.

Insbesondere der Essay „Die Hoffnung und das Absurde im Werk von Franz Kafka“ 1943 in der Zeitschrift L´Arbalate‘ von Albert Camus veröffentlicht und seine intellektueller Einfluss auf französische und deutschen Literaten, Philosophen und Intellektuelle haben zur Verbreitung von Kafkas Werken beigetragen.


Großer Lärm

Großer Lärm

„Ich sitze in meinem Zimmer im Hauptquartier des Lärms der ganzen Wohnung. Alle Türen höre ich schlagen, durch ihren Lärm bleiben mir nur die Schritte der zwischen ihnen Laufenden erspart, noch das Zuklappen der Herdtüre in der Küche höre ich. Der Vater durchbricht die Türen meines Zimmers und zieht im nachschleppenden Schlafrock durch, aus dem Ofen im Nebenzimmer wird die Asche ausgekratzt, Valli fragt, durch das Vorzimmer Wort für Wort rufend, ob des Vaters Hut schon geputzt ist, ein Zischen, das mir befreundet sein will, erhebt noch das Geschrei einer antwortenden Stimme. Die Wohnungstür wird aufgeklinkt und lärmt, wie aus katarrhalischem Hals, öffnet sich dann weiterhin mit dem Singen einer Frauenstimme und schließt sich endlich mit einem dumpfen, männlichen Ruck, der sich am rücksichtslosesten anhört. Der Vater ist weg, jetzt beginnt der zartere, zerstreutere, hoffnungslosere Lärm, von den Stimmen der beiden Kanarienvögeln angeführt. Schon früher dachte ich daran, bei den Kanarienvögeln fällt es mir von neuem ein, ob ich nicht die Türe bis zu einer kleinen Spalte öffnen, schlangengleich ins Nebenzimmer kriechen und so auf dem Boden meine Schwestern und ihr Fräulein um Ruhe bitten soll.“

Franz Kafka schrieb dieses kleine Prosastück am 5. November 1911 in sein Tagebuch – er war zu diesem Zeitpunkt bereits 28 Jahre alt und lebte als Junggeselle immer noch im elterlichen Haushalt – dies allein entbehrt nicht einer gewissen Komik. Noch skurriler wird es, wenn wir diesen kleinen Text im Kontext seiner Veröffentlichung (tatsächlich zu Kafkas Lebzeiten!) betrachten. Im späten Sommer des Jahres 1912 erbat Willy Haas, einer der Herausgeber der in Prag publizierten „Herderblätter“, von Kafka die Erlaubnis einen Text aus dessen gerade in Arbeit befindlichen Veröffentlichung „Betrachtung“ abdrucken zu dürfen. Kafka antwortete ihm am 26. September 1912: „[…] auch habe ich wegen der Veröffentlichung irgendeiner ‚Betrachtung‘ […] Bedenken bekommen […] Vielleicht sind sie so freundlich und nehmen das beiliegende kleine Stückchen, mit dem ich gerne öffentlich meine Familie züchtigen möchte. Wenn es Ihnen paßt, kann ich mich für die Lieferung derartiger Familiennachrichten den Herderblättern als Mitarbeiter bis in die entfernteste Zukunft zu Verfügung stellen. Schreiben Sie mir bitte mit einem Wort, ob Sie das Stückchen drucken.“

Leider ist uns – zumindest mir – die Antwort von Willy Haas nicht überliefert. Der „große Lärm“ wurde publiziert, weitere „öffentliche Züchtigungen“ seiner Familie sind jedoch nicht bekannt.


Annäherung an Kafka I

Wie sich Kafka nähern, was von Kafka lesen? Die erste Lektüre von Kafka kann fesselnd oder abschreckend sein – was auch immer es ist, bleiben Sie dran. Vielleicht wollen Sie sich aber auch auf anderen, indirekten Wegen Kafka nähern, hierzu ein paar Tipps:

  • Planen Sie einen oder zwei Filmabende und schauen Sie sich Jim Jarmuschs „Dead Man“ (hier finden sich zahlreiche Motive von Kafka) und Steven Soderberghs „Kafka“ (weniger ein Biopic über Kafka als eher eine Aneinanderreihung seiner in Szene gesetzten Prosa) an.
  • Lesen Sie Robert Walser „Der Gehülfe“ bevor Sie von Kafka den Prozess lesen. Kafka hat ihn ebenfalls gelesen und es ist der erste „moderne Angestelltenroman“ mit vielen absurden Zügen.
  • Lesen Sie von Albert Camus den Essay „Die Hoffnung und das Absurde im Werk von Franz Kafka“, erschienen als Teil von „Der Mythos des Sisyphos“ im rororo-Verlag – dazu morgen mehr.
  • Lesen Sie den Roman „Die Herrlichkeit des Lebens“ von Michael Kumpfmüller. Der Roman ist im Detail fiktiv, orientiert sich aber an Kafkas Biografie und schildert das letzte Lebensjahr von Franz Kafka mit seiner letzten Lebensgefährtin Dora Diamant.

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