Am 19. November 1915 notiert Franz Kafka in sein Tagebuch:
„Bei Frau Mirsky-Tauber. Wehrlosigkeit gegenüber allem. Boshafte Besprechung bei Max. Ekel darüber am nächsten Morgen.“
(Franz Kafka: Tagebücher, Frankfurt/Main 2002, S. 774)
Wer ist Frau Mirsky-Tauber und warum folgt eine boshafte Besprechung bei Max, die wiederum offensichtlich Scham hervorruft?
Die am 16. Juli 1865 in Ungarn geborene und aufgewachsene deutschsprachige und jüdische Lyrikerin, Schriftstellerin und Journalistin ist heute unbekannt. Es gibt keinen Wikipedia-Eintrag, keinen Eintrag im Brockhaus oder Kindlers und ihre Werke sind auch in Antiquariaten oder selbst den Nationalbibliotheken im Grunde nicht vorhanden. Selbst ihr Todesdatum ist unbekannt und die letzte Erwähnung findet sich im Prager Tagblatt im Juli 1925 mit einer kleinen Gratulation zum sechzigsten Geburtstag. Recherchiert man nach ihren Kindern, so endet die Recherche immer zwischen 1941 und 1944 in Theresienstadt oder Auschwitz – ein Schicksal, das einem in der Recherche im Kafka-Umfeld immer wieder begegnet.
Regine Tauber, Tochter des Rabbiner S.D. Tauber, verheiratet mit dem Kontor Leo Mirsky lebte ab 1898 in Prag und war dort seit 1903 leitende Redakteurin in der Fabrikzeitung „Der Kaffeetisch“. Sie veröffentlichte im Verlagshaus Koch in Prag verschiedene Bücher: „Hausfrauenlieder und andere harmlose Gedichte“ (1898), das Drama „Ein Komödiant“ (1902), „Schüttelreime. Ein kurzweilig Büchlein“ (1904) und „Hexensabbat. Grotesken und Skizzen“. Mit ein wenig Glück findet man sie heute in einer Anthologie mit Schüttelreimen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war sie nicht ganz unbekannt und gewiss in Prag eher wohlbekannt, denn, wie das Prager Tagblatt gelegentlich berichtete, hielt sie in ihrem dortigen „Klub deutscher Schriftstellerinnen“ hin und wieder Reden oder trug ihre Text und Gedichte vor. Auch findet sie Erwähnung als Lyrikerin und Feuilletonistin in Kürschners Literaturkalender (siehe Beitragsbild) für das Jahr 1917, in dem übrigens auch Franz Kafka erstmalig lexikalisch erwähnt wird.
Um den 19. November 1915 ist mir kein öffentlicher Vortrag von Regine Mirsky-Tauber bekannt, so dass wir davon ausgehen können, dass Max Brod und Franz Kafka die „Frau Mirsky-Tauber“ privat in Prag V 133 (die Adresse können wir aus Kürschners Literaturkalender vermuten) besucht haben. Das wird aus der Prager Altstadt über die Kleinseite hinaus ein etwas längerer Fussweg gewesen sein. Mehr ist leider zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht herauszubekommen und wir müssen auf die Verfügbarkeit der gerade entstehenden digitalen Ausgabe der Tagebücher von Max Brod warten. Vielleicht geben diese darüber Aufschluss, was bei diesem Besuch passiert ist.