Am Samstag, den 6. November 1915 notiert Kafka in seinem Tagebuch:

„Anblick der Ameisenbewegung des Publikums vor dem Schützengraben und in ihm.“

(Franz Kafka, Tagebücher, Frankfurt/Main 2002, S. 772)

Der Schützengraben, von dem Kafka hier spricht, ist ein sogenannter „Schauschützengraben“, der zur Veranschaulichung eines Schützengraben an der Front des Weltkrieges in vielen Städten Europas errichtet wurde, unter anderem in Budapest, Wien, Berlin und auch in Prag. Dieser wurde im September 1915 eröffnet, im Oktober bei einem Moldau-Hochwasser überflutet und Ende Oktober wieder neu eröffnet. Regelmäßig berichtet das Prager Tagblatt über die Beliebtheit dieser – aus heutiger Sicht skurillen – „Touristenattraktion“, die im Ersten Weltkrieg auf allen Kriegsseiten Teil der Kriegspropaganda war.

Das Prager Tagblatt berichtet am 24. November 1915 auf Seite 5 über den anhaltenden Erfolg dieses Schauschützengraben:

„(Der Prager Schützengraben.) Der Schützengraben auf der Kaiserinsel ist zum beliebtesten Ausflugsort des Prager Publikums geworden. Besonders an Sonntagen wandern Tausende und Tausende von Pragern auf die Trojainsel, um das interessante und belehrende militärische Schauobjekt zu besichtigen. Die überfüllten Wagen der 3er Elektrischen, ganze Reihen von Autos und Equipagen aus den Zufahrtstraßen und der schwarze Menschenstrom, der sich allsonntäglich durch den Baumgarten zum Bahnviadukt bewegt, deren aller Ziel der Schützengraben ist, zeigen am besten, welches Interesse diesen feldmäßigen Befestigungen mit all ihren kriegerischen Einrichtungen von der Bevölkerung entgegengebracht wird.
Der Prager Schützengraben bietet dem Besucher, an der Hand eines Führers besichtigt, ein klares Bild von den praktischen Vorkehrungen zum Schutze der Verteidiger im Feldkriege und von den raffinierten Gegenaktionen des Angreifers und den teuflischen Erfindungen unserer Feinde. Zur Bequemlichkeit des Publikums wird die im Prager Schützengraben errichtete Restauration bei kalter Witterung geheizt. In der Restauration werden kleine Erfrischungen, wie Tee, Kaffee, warme Würstel zu angemessenen Preisen verabreicht: es besteht für die Besucher der Restauration jedoch kein Kaufzwang. Mit Rücksicht auf die jetzt schon in den frühen Nachmittagsstunden eintretende Dunkelheit wird der Schützengraben nach Eintritt der Dämmerung durch große Azetylenreflektoren beleuchtet und so ein längeres Verweilen der Besucher auf dem Besichtigungsplatze ermöglicht.“

Am selben Tag besuchte Kafka auch die Mutter und Schwester seines gefallenen Jugendfreundes Oskar Pollak.

„Bei der Mutter von Oskar Pollak. Guter Eindruck seiner Schwester.“

(Franz Kafka, Tagebücher, Frankfurt/Main 2002, S. 772)