Am 26 September 1911 notiert Kafka in sein Tagebuch

„Der Zeichner Kubin empfiehlt als Abführmittel Regulin, eine zerstampfte Alge die im Darm aufquillt ihn zum Zittern bringt, also mechanisch wirkt zum Unterschied von der ungesunden chemischen Wirkung anderer Abführmittel, die bloß den Koth durchreißen ihn also an den Darmwänden hängen lassen. – Er ist mit Hamsun bei Langen zusammengekommen. Er feixt grundlos. Während des Gespräches, ohne daß er es unterbrochen hätte, hob er seinen Fuß aufs Knie, nahm vom Tisch eine große Papierschere und schnitt rund herum die Fransen seiner Hose ab. Schäbig angezogen mit irgend einem wertvolleren Detail z.B. Krawatte. – Geschichten von einer Künstlerpension in München, wo Maler und Veterinärärzte wohnten (die Schule der letztern war in der Nähe) und wo es so verlottert zugieng, daß die Fenster des gegenüberliegenden Hauses, von wo man eine gute Aussicht hatte vermietet wurden. Um diese Zuseher zu befriedigen, sprang manchmal ein Pensionär auf das Fensterbrett und löffelte in Affenstellung seinen Suppentopf aus. – Ein Erzeuger falscher Altertümer, der die Verwitterung durch Schrotschüsse erzeugte und der von einem Tisch sagte: Jetzt müssen wir noch dreimal auf ihm Kaffee trinken, dann kann er ans Innsbrucker Museum weggeschickt werden. – Kubin selbst: sehr stark, aber etwas einförmig bewegtes Gesicht, mit der gleichen Muskelanspannung beschreibt er die verschiedensten Sachen. Sieht verschieden alt, groß und stark aus, je nachdem er sitzt, aufsteht, bloßen Anzug oder Überzieher hat“

(Franz Kafka, Tagebücher, Frankfurt/Main 2002, S. 40f)

Das Abführmittel Regulin wurde hier schon in einem Beitrag gewürdigt.

Interessant an diesem Beitrag ist aber vor allem die Schilderung der „Künstlerpension in München“, womit die Atelierwohnung von Marianne von Werefkins in der Giselastraße 23, München, gemeint ist, in der sich am 1. Januar 1911 Wassiliy Kandinsky und Gabriele Münter zum ersten Mal mir Franz Marc trafen. Die Wohnung liegt 20 Gehminuten von der Königinstraße entfernt, an der sich die Tierärztliche Hochschule befand, das ist „die Schule der letzteren“ von der Kafka schreibt. Kafka hört hier also eine recht intime Schilderung aus Zusammentreffen der Neuen Künstlervereinigung München, die von Alfred Kubin, von dem Kafka hier erzählt, mitbegründet wurde und aus der später die Künstlergruppe „Der blaue Reiter“ hervorging. Im Salon von Marianne von Werefkins gingen zahlreiche Künstler ein und aus, u.a. neben Kandinsky und Franz Marc auch August Macke und sein Vetter Helmuth Macke, daneben Mäzene und viele weitere Künstler, Tänzer, Musiker, Schriftsteller. Im Mai 1911 lebte zusätzlich der französische expressionistische Maler Pierre Girieud bei Marianne von Werefkin und es läßt sich ein buntes Treiben der individualistischen Künstler in diesem Salon durchaus vorstellen.

Blick auf das Eingangstor der Tierärztlichen Fakultät im Jahr 1910 (Quelle: Dr. Veronika Goebel, Die Tierärztliche Fakultät der LMU München in der Zeit des Nationalsozialismus, München 2024, S. 14):

Postkarte um 1910 mit Blick auf die Giselastraße (Quelle: Website der Sep Ruf Gesellschaft e.V.):